Ein Auszug aus meinem gerade entstehenden Werk: "Nachtmahr"

[...]

Nachts in der Dunkelheit, wenn ich in meinem Bett liege und nicht schlafen kann, dann kommen sie, die Gedanken und die Geister der Vergangenheit. Unerbittlich und nicht zu bremsen befallen sie meine Gedanken und nehmen Besitz von meinem ganzen Körper. Nichts und niemand kann sie verscheuchen, meist greife ich zur Flasche, betrinke mich sinnlos, denn wer völlig betrunken ist kann und muss nicht denken. Aber dann kommen diese hellen Nächte, in denen der Mond über meinem Garten steht und gnadenlos ins Fenster blickt, in diesen Nächten kann  ich nicht trinken und dann bin ich plötzlich wieder fünf Jahre alt. Wieder und immer wieder durchlaufen meine Gedanken den strahlend schönen Tag auf dem Stünzel, suchend mein Gehirn durchwühlend, angefangen vom Morgen bis hin zum Nachmittag kann ich trotzdem das Gesicht meines Peinigers nicht erkennen. Egal wie sehr ich mich anstrenge, es bleibt ein grauer Fleck auf der Landkarte meiner Seele. Dieser einzige Tag, der ohne Arg und friedlich begann, hat mir mein Leben weg gefressen, mich wesenlos gemacht. Ich bin eine Untote, gefangen in Erinnerungen die nicht schrecklicher sein können. Aber was sind Erinnerungen und was ist die Wahrheit, ich kämpfe darum endlich zu wissen was wirklich geschehen ist. Vielleicht kann ich dann endlich leben, gleichzeitig weiß ich aber, mein Kampf ist aussichtslos, ich werde ihn nie gewinnen. Ich bin ein Feigling.

 

Heute ist wieder so eine mondhelle Nacht, der Schnaps steht auf dem Nachtschränkchen, das Glas gefüllt daneben. Zuerst schlafe ich ein, der Mond steht noch tief und scheint nicht in mein Zimmer. Aber dann weckt er mich mit einem Rück auf, es geht los. Meine Gedanken wandern ohne mich zu fragen zu dem Morgen der alles für mich veränderte.

 

Meine Mutter, ich und zwei Schwestern, wir wohnen in einem alten Bauernhaus, weit weg vom Dorf, für mich viel zu weit. Immer geht die Angst mit mir spazieren, lässt mich nie alleine. Angst in die Schule zu gehen, meinem brutalen Lehrer gegenüber zu treten, nie zu wissen was Sache ist. Die Angst lässt mich versagen, die Angst vor Schlägen und vor dem hämischen Spott der Dorfjugend die mit mir die Schulbank drückt. Sehr früh habe ich gelernt anders zu sein ist schlimm, so wie eine Krankheit die einen verstümmelt und unansehnlich gemacht hat. Dann die Angst davor alleine bleiben zu müssen, das dunkle Haus, die unheimlichen Stallungen und die Falltüre unter der Treppe die zum Keller führt. All das jagte mir viel zu viel Angst ein.

Aber dieser eine Morgen, auf ihn habe ich mich gefreut, meine Mutter weckte mich früh auf und zog mir mein bestes Kleid an. Dafür stellte sie mich auf einen Hocker, knöpfte mir mein Leibchen an dem die braunen grob gestrickten Strümpfe befestigt waren zu, über alles kam das Kleid, mein ganzer Stolz. Flanell, dunkelrot mit Herzchen und am Hals eine kleine weiße Rüsche. Lange Ärmel, versteht sich, und eine Schürze, versteht sich auch. So und nicht anders gekleidet gehörte sich das in diesem Dorf. Nur nicht von der Norm abweichen, eine schwere Sünde, die man mit Verspottung bezahlen muss. Meine Haare steckte meine Mutter zu zwei Rollen auf dem Kopf fest, die von Kämmen gehalten werden. Auf dem Rücken baumeln zwei Zöpfe schön stramm geflochten, kein Haar soll sich selbstständig machen.

Am liebsten hätte ich gesungen, so viel Freude über den Ausflug zum Stünzel erfüllte mich.

Schon konnte ich den Fleischgeruch in meiner Nase spüren, den dichten Rauch der vom Holzgrill aufstieg sehen. Ich wusste die Knochen von den Schweinekoteletten die einfach achtlos in den nahen Wald geworfen wurden, hatten immer noch einen Fleischrand zum Abnagen. Auch darauf freute ich mich. Dann war es so weit, der Wagen auf dem wir mitfahren durften, er war da. Die beiden Kühe die vorgespannt waren, gehörten meiner Oma und sollten schön geschmückt wenn möglich auf dem Stünzel einen Preis ergattern. Was sie auch jedes Jahr taten. Mein schwarzes Kaninchen das auch jedes Jahr preisgekrönt nach Hause fuhr, hielt ich im Arm. Möhrchen liebte es von mir getragen zu werden. Zwischendurch schlief ich ein, wachte aber immer wieder durch lautes Geschrei von anderen Fuhrwerken auf. Alle waren in Festtagsstimmung und Begrüßungsrufe schwirrten hin und her. Nur meine Mutter sagte nicht, ihr Gesicht wie in Gips gegossen, erinnerte mich an eine Totenmaske die ich einmal irgendwo gesehen habe. Endlich waren wir da, der Platz voll gestellt mit Wagen und in den Kampen, so nannten die Leute aus meinem Dorf die Wiesen, stand das Vieh und wartete auf den großen Auftritt. Niemand kümmerte sich an solch einem Tag um Kinder, jeder war mit sich selbst und seinem Vieh beschäftigt. Ein Glückfall für mich, endlich frei und einmal alleine etwas unternehmen zu können. Aber dann der harte Griff meiner Mutter um meine Hand, eisern hielt sie mich fest, würde wohl nichts mit der Freiheit werden. Wir schlugen den Weg zum Wald ein, in mir blühte die Hoffnung auf ein Kotelett auf, denn sie steuerte genau auf die Feuerstelle zu wo diese Köstlichkeiten zubereitet werden. Wir gingen vorbei, ich würde mich wohl später mit den weggeworfenen Knochen begnügen müssen, sollte ich denn noch früh genug hinkommen können. Aus Erfahrung wusste ich dass viele Kinder schon bereit standen um die Knochen zu ergattern. Vor allen Dingen Torsten, er war groß, stark und frech, gegen ihn konnten wir anderen Kinder kaum ankommen. Torsten hatte eine Marktlücke entdeckt, er verkaufte die Knochen an die Außenseiter die den Stünzel nicht betreten durften „Baracken-“ und „Gemeindehausbewohner“. Pro Knochen fünf Pfennige, je größer der Fleischrand umso teurer konnte der Knochen werden, fünfzehn Pfennige waren da schon mal drin. Ich hatte meine Mutter gefragt warum das so war, ihre Antwort menschenverachtend und deshalb so einfach.

„Diese Menschen haben keinen Acker keinen Grund und Boden nicht den Kleinsten so wie wir, also müssen sie außen vor bleiben. Was hätten sie denn auch hier zu suchen, hier werden Tiere prämiert und sie haben keine. Wenn sich einmal ein Karnickel zu ihnen verirrt wird es logischer Weise sofort geschlachtet. Nur ihre Kinder, die wird man nicht los, wurden von ihnen dressiert, die entwischen immer wieder den Aufpassern und betreten fremdes Territorium um sich an uns allen zu bereichern. Ähnlich so wie Küchenschaben und jetzt sei still, auf dich wartet heute ein ganz besonderes Erlebnis. Ich hoffe ich kann mich auf dich verlassen? Reite mich ja nicht rein Mädchen, du wirst es schnell wieder vergessen.“

„Was?“

„Wie was? Du musst das nicht wissen, es geht schnell und schmerzlos vorbei und jetzt sei wirklich still. Niemand erfährt es und du wirst schweigen, kapiert?“[...]