Ein Auszug aus meinem gerade entstehenden Werk: "Jorges Mondkalb"

[...]Geräuschlos, fast unsichtbar im frühen Morgendunst gleitet das Boot langsam aus der kleinen Bucht. Reglos steht eine Person am Heck, mit leisem Schlag versinkt das Ruder im grauen Wasser. Ein Teichrohrsänger lässt sein „wäd, wäd“ hören, er fühlt sich gestört.

 

Unwirklich schwebt der Vollmond groß weiß mit hellblauen Flecken über der Wasserkante, Frösche verstummen, Wasser plätschert leise. Die kleine Insel am Rande des Sees umwuchert von dichtem Ufergebüsch, einem schmalen Schilfstreifen, bietet dem Boot ungesehen Unterschlupf.

Die schmale dunkle Person, bekleidet mit einem Mantel arbeitet schwer das Boot an Land zu ziehen, noch schwerer ist es für sie die große weiße Kiste die hell im Mondlicht glänzt aus dem Boot zu ziehen. Aus dem Wasser steigen zarte Nebel, die Frösche verstummen wieder, wie auf  Kommando versuchen sie raschelnd im Schilf abzutauchen. Die hohen Wasserpflanzen schlagen hinter der Person zusammen, leise Scharrgeräusche und das Graben in feuchtem Boden, vermischt sich mit dem jetzt im Morgengrauen einsetzenden Vogelgesang. Für einen kurzen Moment stehen Sonne und Mond am Himmel.

 

Die Person steigt in das Boot, steuert das Festland am anderen Ufer an, verschwindet aus meinem Blickfeld. Die Sonne ist jetzt völlig aufgegangen, der Tag verspricht heiß zu werden. Heiß und ein Fest für Stechmücken, gemächlich gleite ich ins Wasser, neugierig geworden möchte ich herausfinden was die Person dort auf der Insel vergraben hat.

Das Wasser umschmeichelt kühl meinen Körper, wohlig auf dem Rücken liegend treibe ich auf die kleine fast am Ufer liegende Insel zu. So früh am Morgen lässt sich kaum ein Mensch hier blicken. Ich genieße diese frühen Morgenstunden in vollen Zügen, schlafe oft in meinen Schlafsack gehüllt am Uferrand im hohen Schilf und hoffe dass am anderen Morgen der Rest dieser beschissenen Welt verloren gegangen ist. Albern in Kindheitsträume abtauchend stelle ich mir in der vergrabenen Kiste einen Goldschatz vor, ein großer grün brauner Wasserfrosch verfolgt mein Tun mit weit hervorstehenden Augen, taucht ab und umkreist mich neugierig. Wieder steigt das Kind aus meiner Seele auf, was wäre wenn dieser Frosch eine Prinzessin wäre und von mir geküsst werden möchte? Vorsichtig versuche ich ihn einzufangen, er ist schlau und verschwindet mit lang ausgestreckten Hinterbeinen im tieferen Wasser, ich hinterher. Grün schimmert das Wasser über mir, je tiefer wir tauchen umso kühler wird es. Die Froschkönigin verschwindet im Algenwald am Ufer. Schade, aber was soll’s, es gibt so viele von ihnen, es war wohl nicht die Richtige.

Triefend nass steige ich auf die kleine Insel, mich zu orientieren fällt nicht schwer, ich bin in dieser Gegend aufgewachsen und lebe gerne hier. Die Insel war oft unser Versteck vor bösen Hexenmüttern und verzauberten  Ziegenböcken. Außerdem trägt sie mein Geheimnis in ihrem Herzen.[...]